Archiv der Kategorie 'Konsumieren'

Prohibition ist tödlich

The WireDass es sich bei The Wire um eine der besten Serien der letzten Jahre handelt, dürfte sich so langsam auch in Deutschland rumgesprochen haben – zumindest bei Leuten, die Fernsehen nicht nur als Instrument zur eigenen Verblödung betrachten. Die Qualität der Serie besteht in dem genauen Blick auf die realen Verhältnisse – nichts wirkt gestellt, gekünstelt, arrangiert oder an den Haaren herbeigezogen. Die Autoren decken schonungslos Korruption, Dummheit und Ideologie in der Politik einer amerikanischen Stadt auf. Ausgangspunkt ist der nicht zu gewinnende Kampf der Polizei von Baltimore gegen die Drogen, und das aus verschiedenen Blickwinkeln, von Politik und Polizeiapparat über den der Dealer und Konsumenten bis hin zu Presse und Bildungssystem. Und das alles auf höchst spannende und unterhaltsame Weise.

David Simon und Ed Burns, die Schöpfer der Serie, haben sich ein Jahr an die corners begeben, an die Drogenecken, haben mit den Menschen gesprochen, mit ihnen gefühlt, gelitten, sie getröstet und mit ihnen gelacht. Aus diesen Recherchen ist zunächst die Reality-Reportage The Corner entstanden, ein Buch von großer Klarheit, das hiermit empfohlen sei. Auch wenn die Untersuchungen in The Wire eingeflossen sind, handelt The Corner von anderen Personen und der Handlungsstrang ist immer wieder unterbrochen von Betrachtungen eher theoretischer Natur. Die Autoren arbeiten klar die Heuchelei und Verlogenheit des Krieges gegen die Drogen heraus, der angeblich moralisch inspiriert ist und doch nur Not und Elend hervorbringt. Ein Buch das bewegt und wütend macht. Prohibition ist tödlich, sie gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.

The Wire: Homepage bei HBO und bei wikipedia
The Corner: Homepage bei Kunstmann

Dicht an der Realität vorbei

BierDer Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), „das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands“ (wikipedia) hat vorletzte Woche etlich Beschlüsse abgesondert. Da sitzen Vertreter_innen von Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung und anderer mafiöser Organisationen drin, um z.B. festzulegen, welche Leistungen Patient_innen gewährt bzw. gestrichen werden. Selbstverwaltung hört sich toll an, Patientenvertreter_innen sitzen auch da drin, nur leider nicht stimmberechtigt.
Nachdem 2009 die Behandlung mit synthetischem Heroin, dem sogenannten Diamorphin, als Regelbehandlung in den Leistungskatalog aufgenommen worden ist, hat der G-BA die flächendeckende Einführung dadurch verhindert, dass die Anforderungen an die entsprechenden Einrichtungen extrem hoch geschraubt worden sind. Nach dem Motto: was wir nicht mehr verhindern können, machen wir wenigstens unbezahlbar.

Schlappe dreieinhalb Jahre später, am 17. Januar diesen Jahres nämlich, hat der G-BA tatsächlich beschlossen, diese Anforderungen herunterzuschrauben. Nun besteht zumindest die Chance dass zusätzlich zu den aus dem Modellprojekt bestehenden Diamorphin-Ambulanzen noch weitere hinzukommen. Tatsächlich haben Verbesserungen in diesem Bereich schon immer sehr, sehr lange gedauert. Bis die Vernunft über die Ideologie siegt, und jede_r Heroin bekommt, wenn sie/er es braucht, wird sicher noch das ein oder andere Jahrzehnt ins Land gehen.

Nichts Neues dagegen aus dem Bundestag: nach dem Motto „Drogenkonsum darf es nicht geben, also machen wir schnell die Augen zu, dann sehen wir auch keinen Konsum mehr“, wurden zwei Anträge der Opposition abgeschmettert. Der eine betrifft die Einrichtung von sogenannten Cannabis Social Clubs, was erwartungsgemäß abgelehnt worden ist. Begrundung der CDU/CSU:

…jegliche Bemühungen im Bereich der Prävention würden ad absurdum geführt, wenn der Besitz legalisiert würde.

(CDU/CSU). Also weiter dämonisieren und kriminalisieren, das hat zwar bislang auch niemandem geholfen, aber was solls…
Der andere Beschluss geht in die slebe Richtung: der Antrag, die Wirksamkeit von drug-checking zu untersuchen, wurde abgelehnt. Bei drug-checking wird in der Partyszene die Möglichkeit geboten, Substanzen auf ihren Reinheitsgehalt und auf gefährdende Beimengungen zu untersuchen. Das betrifft Leute, die eh schon Drogen nehmen, bei der eine Primärprävention alos vergebliche Mühe ist. Aber nein, für die Bundesärztekammer kommt drug-checking einer „Ermunterung zum Drogenkonsum“ gleich (bundestag.de). Dass damit Menschenleben geschützt werden können, spielt keine Rolle.

„Drogenfachgeschäfte statt Drogenverbote”

Interview mit Dirk Schäffer, drogenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. Schluss mit den mythen, rationale drogenpolitik jetzt!

Die meisten körperlichen Schäden entstehen nicht in erster Linie durch die Substanzen selbst, sondern durch gefährliche Streckmittel, durch unhygienische Bedingungen, durch den Stress, dass man ständig von der Polizei aufgegriffen werden kann, durch einen Mangel an sterilen Spritzutensilien, zum Teil auch durch falschen Umgang mit Drogen. (…)

Eine grundsätzliche Neuausrichtung bedeutet, nicht mehr auf Verbote und Strafverfolgung zu setzen, um die Bürger zu schützen, sondern auf die Förderung der Drogenmündigkeit und auf Legalisierung von Drogen.

Gedenktag für verstorbene Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher

jesDer 21. Juli ist seit einiger Zeit bundesweiter Gedenktag für verstorbene Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher. Zu diesem Anlass formulieren Verbände und Zusammenschlüsse von Betroffenen erneut die Forderung nach Heroin für alle die es brauchen. Der Vorsitzende der AIDS-Hilfe NRW weist darauf hin, dass der „Konsum von Drogen (…) zum Menschsein dazu(gehört).“:

Jede Gesellschaft muss sich daher entscheiden, in welcher Form sie den Drogengebrauch zulässt. In Deutschland, und natürlich auch in anderen Ländern, hat man sich dafür entschieden, die Zulässigkeit auch über die Substanz selbst zu definieren. Was die meisten Menschen eint, ist also die Einnahme von Drogen. Was sie trennt, ist die Substanz: Hier die akzeptierte Gesellschaftsdroge mit hohen steuerlichen Einnahmemöglichkeiten (z.B. Alkohol, Nikotin), dort ein Leben mit der Illegalität (z.B. Heroin, Kokain) mit allen oft brutalen Folgen.

Die brutalen Folgen sind nicht nur die 1331 Todesfälle durch Heroinkonsum (2009), sondern ebenso Zerstörung der Gesundheit, des Lebensumfeldes, des Beziehungsnetzwerkes, Kriminalisierung, Verwahrlosung und Obdachlosigkeit. Prohibition ist nicht die Lösumg, sondern das Problem.

Prohibition soll den schädlichen Konsum bestimmter Drogen verhindern. Tatsächlich kann sie dieses Ziel nicht erreichen. (…)
Wie beim Sex ist Abstinenz die sicherste Methode, um z.B. HIV Infektionen zu vermeiden, doch für die meisten ist das Zölibat keine erstrebenswerte Lebensweise. (…)
Der Staat darf die Bürger durch die Drogenpolitik nicht schädigen. Es ist deshalb notwendig, Schaden und Nutzen der Drogenpolitik ideologiefrei wissenschaftlich zu überprüfen. Das kann nach unserer Auffassung nur dazu führen, die Drogenprohibition aufzugeben und legale Bezugswege zu schaffen.

LSD ist harmloser als Tabak

Gefunden bei Burk`s Blog:

Spiegel Offline (gewohnt linkfrei): Der britische Drogenbeauftragte David Nutt sei entlassen worden.

“Er erklärte LSD und Cannabis für weniger gefährlich als Alkohol und Tabak (…) Die Einnahme von Ecstasy sei mit jährlich 30 Todesfällen nicht gefährlicher als Reiten, wobei jedes Jahr hundert Menschen ums Leben kämen. Cannabis erzeuge ‘nur das vergleichsweise geringe Risiko’ einer psychischen Erkrankung, hatte Nutt gesagt. Er ist Professor für Pharmakologie an der Universität Bristol. (…) An seiner Uni hatte Nutt in der umstrittenen Vorlesung auch eine Klassifizierung aller legalen und illegalen Drogen in einer Schadensskala gefordert. (…) Alkohol kommt in Nutts Skala an fünfter Stelle – nach Kokain, Heroin, Schlafmitteln und Opium. Tabak steht an neunter Stelle und damit weit vor Cannabis, dem Halluzinogen LSD und Ecstasy.”

Natürlich hat Professor Nutt mit jedem Wort Recht. In Deutschland würde man ihn jedoch auch entlassen. Wer die Wahrheit ausspricht, wird gefeuert. Reines Heroin ist weniger gesundheitsschädlich als Nikotin. Glaubt keiner, ist aber so. Wer es sagt, hat verloren.

Bei der Dogenpolitik sind calvinistische Heuchelei, moraltheologischer Populismus und Ignoranz gesetzt – und zwar von allen Parteien (ausser bei den Piraten). Das britische Beispiel ist sehr lehrreich, weil es beweist: Rationale Argumente sind weder erwünscht noch bewirken sie etwas.

Da kann ich dem Kollegen nur Recht geben. In der Drogenpolitik mit rationale Argumenten zu kommen, ist fast aussichtslos. Nur sehr, sehr langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass mit einer rein prohibitiven und abstinezorientierten Abschreckungspolitik mehr Schaden angerichtet wird als Nutzen.
Der Hinweis auf die Piraten ist allerdings auch ergänzungswürdig. Schließlich wird, wer regierungsfähig werden will, noch jede Partei die Forderung nach einer rationale Drogenpolitik zurückstecken; die ist in Deutschland nicht vermittlungsfähig und löst „Entsetzen“ aus.

Über den Fall David Nutt hat telepolis übrigens bereits ausführlich berichtet.

modern consuming

Der schweizer Nachtschattenverlag hat einen interessanten Ernährungsratgeber herausgegeben: Partyfood- das Handbuch bietet Ernährungstipps beim Konsum von Partydrogen (einschließlich Alkohol), um unerwünschte Wirkungen und Gesundheitsbelastungen gering zu halten. Das im besten Sinne des safer-use-Gedankens1 geschriebene Buch steht zudem kostenlos zum download bereit, z.B. auf der Seite modern eating und bei drug scouts. Sehr lobenswert!

Nachdem endlich nach langem Kampf die Entkriminalisierung von (synthetisch hergestelltem) Heroin fortschreiten konnte, wird es langsam Zeit für einen vernünftigen und bewußten Umgang mit allen Drogen und Suchtmitteln. Unbezahlbar sind heute schon ungefärbte und ehrliche Informationen zu den Wirkungen, Gefahren und safer-use-Möglichkeiten, wie sie z.B. drug scouts, Alice-Project oder das drogenwiki bieten.

Kleine Schritte, um die absolute und tödliche Drogenprohibition in Amerika unter Führung der USA zu brechen, werden derzeit in einigen Ländern Mittel- und Südamerikas unternommen. Dazu gibt es einen (nicht besonderns tief gehenden) Übersichtsartikel in der aktuellen Jungle World.

  1. ich verlinke hier nicht den wikipedia-Artikel zu safer-use, weil er so schlecht ist! [zurück]

Update 01.10.: Auch bei den österreichischen KollegInnen von ChEckiT! gibt es umfangreiche Informationen zur Risikominimierung und Gefahren bei Mischkonsum.

HEROIN ist legalisiert…

Schlafmohn…auch nicht ungefährlicher. trotzdem ist die vom bundestag beschlossene abgabe von synthetischem heroin – diamorphin – an sogenannte schwerstabhängige als kassenleistung ein großer erfolg. fortschritte in der drogenpolitik dauern insgesamt sehr lange. so hatten und haben sowohl methadonbahndlung als auch niedrigschwellige angebote immer wieder mit anfeindungen und gerichtsprozessen zu kämpfen. der vorwurf lautet stets: sucht wird verlängert, konsum ermöglicht.
dass jetzt die originalstoffvergabe kommt, ist deshalb nicht selbstverständlch – auch wenn die fakten der jahrelangen studie eindeutig sind. aber es geht halt ums prinzip: heroin ist böse, genau wie seine konsument*innen. dass es genau wie bei alkohol und allen anderen drogen immer auch auf die gesellschaftlichen umstände ankommt, wird ausgeblendet.
drogen wollen verantwortungsbewusst konsumiert werden – und ein solcher konsum ist nur möglich, wenn ohne ideologische scheuklappen objektiv informiert wird und die substanzen legalisiert werden.