Archiv für September 2012

Den Schutzengel verärgert

Til Schweiger ist ja einer von jenen Leuten, deren luftblasenartiges Geschwätz man getrost und ohne sich damit ernsthaft ins gesellschaftliche Aus zu katapultieren ignorieren kann. Das ein oder andere Mal jedoch glauben selbst solche Leute, dass ihre Meinung zu irgendeinem Thema in irgendeiner Weise relvant wäre, und sondern, gerne in zu diesem Zweck erfundenen Laber-Shows, ihre geistigen Ergüsse ab. Til Schweiger tat dies kürzlich bei Radio Bremen, wo er anläßlich der Vorstellung seines neuen filmischen Machwerkes eingeladen worden ist. Dort nun verklärt er den Krieg und macht aus mordenden deutschen Soldaten traurige Helden. Einem von ihnen hat er – schnüff, wie rührend – sogar seinen Film gewidmet. Und indem er so den Krieg als etwas Unvermeidliches betrachtet, das über uns hineinbricht wie ein Gewitter weckt er bei manch kritischem Zeitgenossen das Bedürfnis auszurufen: Soll ihn doch der Schlag treffen, den ollen Heini! Und was lese ich eben in der Zeitung? … Doch anstatt klammheimliche Freude zu empfinden ob so eines Intermezzos höherer Gerechtigkeit möchte ich stattdessen diesen Beitrag dem Schauspielerhelden widmen. „Sein Schicksal hat mich sehr, sehr tief berührt, und deswegen hab ich das da hingeschrieben“, um es mit seinen eigenen, unnachahmlichen Worten zu sagen.

vom Umschlagen der Kritik in Identität

Die Debatte um Critical Whiteness geht weiter. In einem lesenswerten Beitrag im aktuellen ak (siehe unten) beschreiben Jule Karakayali, Vassilis S. Tsianos, Serhat Karakayali und Aida Ibrahim sehr anschaulich wie die Kritik an den Privilegien weißer Mehrheitsangehöriger flugs in die Identitätsfalle führt. Es ist schon erstaunlich, wie wichtig auf einmal Banalitäten werden, die nicht nur erwähnt werden, sondern zentraler Bestandteil der Zurückweisung derartiger Tendenzen sind:

Subjektive Erfahrungen und politische Positionen sind aber nicht das Gleiche. Weder folgt aus bestimmten Erfahrungen zwingend eine bestimmte politische Haltung noch ist die Einnahme einer politischen Haltung durch die eigenen Erfahrungen limitiert. Nicht alle, die durch Rassismus marginalisiert werden, sind antirassistisch und nicht alle Frauen sind feministisch.

Selbstverständlich? Anscheinend nicht. Irgendwie ist die akademisch geführte Debatte in die Sackgasse der Identitätspolitik geraten und hat sich dann ins Feld geschlagen. Ähnlich wie bei den Antideutschen geht die Selbstbezüglichkeit mit einer Praxisblindheit einher, die jegliche Intervention im Ansatz plattdrückt. Zum Glück gibts schlaue Entgegnungen. Hier ist der vollständige Text:

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 575 /21.9.2012

Decolorise it!

Die Rezeption von Critical Whiteness hat eine Richtung eingeschlagen, die die antirassistischen Politiken sabotiert

Die Debatte um Whiteness (Weißsein) wird seit einigen Jahren auch in Deutschland rezipiert (1) und firmiert hier zumeist unter dem Begriff Critical Whiteness. Critical Whiteness ist seit einiger Zeit ein wichtiger Bezugspunkt innerhalb der (akademischen) antirassistischen und queerpolitischen Linken, eine schier unübersehbare Zahl an Veranstaltungen, Workshops und Seminaren beschäftigt sich mit dem Konzept. Allerdings hat die Rezeption eine Richtung eingeschlagen, die die antirassistischen Politiken geradezu sabotiert. Die Ambivalenzen der vom Rassismus durchdrungenen Politiken der Identität haben die aberwitzige Gestalt einer Identitätsolympiade angenommen. (mehr…)