Archiv für Mai 2012

Die Toten Hosen zur Lage der Nation

Ich gebe ja zu, sie hat mich ein wenig gepackt, die neue Scheibe der Toten Hosen. Ballast der Republik ist nicht nur der Titel, sondern auch ein erstmal schönes Wortspiel. Die meisten Songs gehen gut ab, da ist kaum ein Aussetzer dabei, wenig Peinliches diesmal. Liegt wohl auch daran, dass viele Lieder sehr hymnisch sind und sofort mitsingbar, was ja nicht unbedingt ein Makel ist.
Aber was genau will Campino mit dem Text zu Ballast der Republik sagen? Los geht es als kleine Geschichtsstunde:

Ein ganzes Land kniet nieder
Und sagt: „Es tut uns leid“
Wir geben zu, wir haben den Krieg verloren
Doch das ist jetzt vorbei

Mmmh, ein ganzes Land kniet nieder? Vor wem? Die Deutschen sind besiegt worden, ehe sie gesenkten Hauptes sich den Befreiern gebeugt haben. Leid tat vielen vor allem, dass der Krieg nicht gewonnen worden ist… Weiter gehts:

Uns ist klar, wir müsen büßen
Damit ihr uns verzeiht
Die Nation wird ausgewürfelt
Und dann durch zwei geteilt
Die Einen saufen Coca Cola
Die Anderen fressen Mauerstein
Hier feiert man Wirtschaftswunder
Und da den 1. Mai

Ok, ein bisschen vereinfacht, aber im Rahmen eines Songtextes darf man sowas. Jetzt kommt der Refrain:

Doch jeden Tag besucht uns
Derselbe Parasit
Alle tragen auf ihren Schultern
Den Ballast der Republik

So wird aus der jüngeren deutschen Geschichte, dem verlorenen Krieg und der deutschen Teilung ein „Parasit“, ein „Ballast“, den wir auf unseren Schultern tragen. Das ist verdammt nah dran am kollektiven National-Geist. Man muss froh sein dass es Ballast der Republik und nicht Ballast der Nation heißt…

Die alten Panzer sind verrostet
Wir sind wieder vereint
Heute quälen uns noch mehr Sorgen
Die Kohle wird verheizt

Wir haben keine Zeit mehr
Für Politik und Religion
Wenn wir an Götter glauben
Dann tragen sie Trikots

Was das nun genau soll, erschließt sich mir nicht. Dass „die Kohle verheizt“ wird, ist quälender als… ja was? Als die Shoah, von der und den Opfern deutsche Herrenmenschenmentalität übrigens an keiner Stelle die Rede ist? Der verlorene Krieg? Oder die Wiedervereinigung? Und ob wir keine Zeit für Religion haben (und was daran schlecht sein soll…) sei mal dahingestellt….

Es ist wie Pech, das an uns klebt
Der Ballast der Republik

In den Clubs auf den Straßen
Alle haben es so satt
Man tanzt bis in den Morgen
Doch die Sorgen fallen nicht ab

Jetzt kommen wir also zum Kern des Ganzen: die deutsche Geschichte hindert uns daran, sorgenfrei zu tanzen und Spaß zu haben, weil sie wie „Pech“ an uns klebt. Was dazu gedacht werden muss ist der Appell an die Juden, uns doch endlich mit der Shoah in Ruhe zu lassen, damit die „Sorgen“ von uns abfallen und wir wieder unbeschwert Nation sein können. Brrrr, macht Campino jetzt den Grass?
Leider wars ja schon in der Vergangenheit so, dass die politischen Texte der Hosen in eine ähnliche Richtung gingen und ziemlich verschwurbelt waren. Wahrscheinlich der Versuch, von platten Attitüden weg zu kommen, ohne diesem Anspruch gerecht zu werden.
Die klare poltische Positionierung gehört dagegen der eigenen Vergangenheit an. Da kann man aus Nostalgie-Gründen dann durchaus „Keine Macht für Niemand“ von Ton Steine Scherben covern, ohne dass diese Diskepanz den KritikerInnen auffällt. Popmusik eben.

UPDATE: Beim nochmaligen lesen ist mir aufgefallen, dass der Songtext ständig von einem kollektiv-nationalen „Wir“ ausgeht, mit dem „wir Deutsche“ gemeint sind. Auch wenn Songtexte generell ungeeignet sind, komplexe Zusammenhänge in allen Facetten zu reflektieren, ist diese selbstverständliche Bezugnahme auf ein „Wir“ höchst problematisch. Zunächst ist sowas immer nur als Abgrenzung zu anderen (kollektiven) Identitäten zu denken („die Anderen“). Das wirft die Frage auf, wer dazu gehört und wer nicht. Und nicht zuletzt suggeriert es eine homogene kollektive Identität, die stets ein einheitliches Gefühl, eine einheitliche Meinung etc. hat (z.B. in der Zeile „Alle haben es so satt“). Widersprüche, Individualität, Minderheiten, Meinungsvielfalt werden zugunsten dieses „Wirs“ eingeebnet.
Und das obwohl bei den Hosen doch davon ausgegangen werden kann, dass sie eine gewisse Sensibilität für die Themen Minderheiten und Flüchtlinge mitbringen. Zu nennen ist ihr jahrelanges Engagement für PRO ASYL und der nicht zuletzt auf diesem Engagement beruhende Titel Europa vom aktuellen Album, in dem in eindringlicher Weise die Verantwortung der BRD für die Toten im „Massengrab Mittelmeer“ besungen wird.