Archiv für August 2011

Die stimme der ungehörten

London brennt. Wahlweise tobt der kriminelle mob, oder die revolutionäre masse erhebt sich. Während ein teil der linken die riots frenetisch feiert und in ihnen den aufschein eines systemwechsels sieht, schließt sich ein anderer teil der biederen bürgerlichkeit an und verurteilt die „sinnlose gewalt“.

Nun, letzteres ist mensch ja von den linken spießern gewöhnt, die einst schon von Slime besungen wurden („…und werden wir mal agressiv seid ihr auf einmal – konservativ!“). Und auch der beifall angesichts brennender mülltonnen und geplünderter läden ist nichts neues.

Umso wichtiger, derzeit nach den zwischentönen zu suchen. Selbstverständlich habe wir es hier nicht mit einer sozialistischen bewegung zur überwindung des kapitalismus zu tun. Und genauso selbstverständlich handelt es sich nicht um unpolitische krawallmacher und chaoten.

Gleichzeitig reicht es nicht aus, als ursache der gewalt auf armut hinzuweisen. Entscheidend ist glaube ich der systematische ausschluss ganzer bevölkerungsteile aus der gesellschaft. Den menschen ist über jahre und jahrzehnte jeglich teilhabe am rest der gesellschaft verwehrt worden. Sei es teilhabe über konsum, über mobilität, über angebote politischer partizipation, über die illusion des gesellschaftlichen aufstieges und und und. Ähnlich wie die jugendlichen 2007 in Frankreich sehen auch die in Großbritannien keinen sinn mehr in dialog, repräsentation, staat, schule und der täglichen tretmühle. Sie scheißen auf den staat und die gesellschaft. aber nicht, weil ihnen keine werte beigebracht worden sind, wie es von rechts und auch von links unkt, sondern weil staat und gesellschaft auf sie scheißen. Jeden verdammten dreckigen tag. Ohne aussicht, dass sich irgendwas irgendwie ändern wird. Die gewalt ist häßlich. Sie ist jedoch die stimme derer, die nicht gehört werden. Sie ist die einzige stimme, die sie haben.

Und sie haben keine forderungen, genau wie die aufständischen in den banlieus. Das ist etwas, das viele linke und linksliberale nicht verstehen können. Die müssen doch was fordern! Lösungsorientiert, produktiv-kritisch!
Nein, die jugendlichen haben keine forderungen. An wen auch? Sie haben auch keine erwartungen, weil sie allzuoft erleben mussten, wie ihre erwartungen durch rassismus zerrieben und mit dem polizeiknüppel zerschlagen worden sind. Alles was sie haben ist wut und die gewissheit, dass dem weiteren stillen erleiden der verhältnisse die nackte gewalt der revolte allemal vorzuziehen ist.

Wie immer empfehle ich den überblick über nachrichten und artikel bei labournet. Explizit hinweisen möchte ich auf die stellungnahme der anarchistischen North London Solidarity Federation, auf deutsch bei fau.org

Von Choucha bis Tunis

Suchprozesse zwischen Migration und Revolution

Folgender Artikel wird in der nächsten Ausgabe der ak erscheinen.

Im Mai diesen Jahres reiste eine Delegation der antirassistischen Netzwerke Afrique-Europe-Interact und Welcome to Europe nach Tunesien. Stationen der Kontakt- und Erkundungstour waren neben Tunis u.a. die Flüchtlingslager an der Grenze zu Libyen sowie Sidi Bouzid, der Ort, in dem der Aufstand im Dezember 2010 begonnen hatte. Im folgenden einige Eindrücke verbunden mit zwei Aufforderungen für den Herbst, die euro-afrikanische Kooperation voranzutreiben: mit „Schiffen der Solidarität“ gegen das EU-Grenzregime und in einer transnationalen Konferenz in der tunesischen Hauptstadt.

Als der Tatort „Der illegale Tod“ ausgestrahlt wurde, befanden wir uns gerade in einem Hotel in Tunis. Der Autor des Drehbuchs konnte kaum wissen, wie brandaktuell seine Story Mitte Mai 2011 sein würde. Ein Flüchtlingsboot, das von Tunesien aus startet, trifft auf eine Frontex-Patrouille, an Bord deutsche Beamte aus Bremen. Statt die auf Rettung hoffenden Menschen aus dem überfüllten Boot aufzunehmen, wird ein Flüchtling erschossen, der Kutter kentert, fast alle Boatpeople sterben im Meer. Eine Überlebende aus dem Togo schafft es im zweiten Anlauf nach Europa und schlägt sich nicht zufällig nach Bremen durch. Ihre kleine Tochter gehörte zu den Ertrunkenen, die Mutter nimmt nun geschickte Rache an dem verantwortlichen Frontex-Team, das den Vorfall vertuscht hatte. Eindrücklich wird die menschenverachtende Arbeitsweise der europäischen Grenzpolizei einem Millionenpublikum vorgeführt, realitätsnah wird im Dialog mit einem Frontex-Chef aus der Warschauer Zentrale die interne Anweisung eingespielt, Flüchtlinge um jeden Preis abzuwehren. Auch wenns letztlich „nur“ ein guter Krimi war, für das Image von Frontex dürfte der Abend ein regelrechter Kommunikations-Gau gewesen sein.

Der sehenswerte Tatort spielt im Juni 2010, noch realistischer erscheinen solche todbringenden Einsätze seit Februar 2011. Denn seitdem patrouilliert Frontex mit der Operation Hermes unmittelbar vor der tunesischen Küste. Über 2000 ertrunkene Boatpeople wurden in den vergangenen Monaten zwischen Nordafrika und Lampedusa bzw. Malta gezählt. Das Sterben im Mittelmeer erscheint als kalkulierte Abschreckungsstrategie des EU-Grenzregimes, mehrfach ist dokumentiert, wie Rettungen bewusst unter- und die Menschen ihrem Schicksal überlassen wurden1. (mehr…)

Festival im „Endlosen Land“

Ist schon ein paar stunden her, aber ich muss noch einige gedanken zum diesjährigen Serengti-Festival loswerden. Erstmal kam mir das line-up diesmal musikgeschmacklich sehr entgegen, mit Pennywise, Bad Religion, WIZO und Agnostic Front hatten die veranstalter einige kracher am start.
Auch wenn in meinem bekanntenkreis genölt wurde, „alles kommerzorientierte bands“, „viel zu teuer“, blabla. Ich steh nun mal auf die musik, bin ich mit aufgewachsen. Und außerdem, dieses gewichse auf DIY konnte ich noch nie ab. Klar, DIY ist super, aber nur weil eine band erfolgreich ist und t-shirts verkauft, fange ich nicht an, sie zu boykottieren. und wenn eine band stümperhaft und unprofessionell ist, ist sie noch lange nicht sehenswert.
Naja, davon mal ab war die stimmung super, das neue gelände auch. Die erste band, die gerockt hat waren The Creepshow, die mit ihrer neuen platte They All Fall Down ein psychobilly-brett hingelegt haben, und trotz der nachmittäglich frühen stunde ging das gut ab.
Das nächste highlight: Pennywise! Solider auftritt mit dem Ignite-frontmann Zloi Telas. Ist genau mein geschmack, da konnten die jungs nix falsch machen.
Allerdings hab ich mich da zum ersten mal gewundert, wieviel spacken mit Böhse Onkelz- und Frei.Wild-shirts bei Pennywise rumhampelten. Den passenden kommentar dazu lieferten später WIZO bei ihrem auftritt (ob ihnen die shirts auch aufgefallen sind?). Sie machten unmissverständlich klar, dass sie nicht nur schon immer gegen nazis und anderes pack waren, sondern auch gegen unklarheiten, unpolitisch und deutsch-nationalstolz-patriotisch. Danke dafür! Trotzdem waren auch beim auftritt von WIZO wieder jede menge komischer gestalten im publikum, die meinten, sie könnten ihre testosteron-überschüsse beim pogo ausleben. Ich sag dazu nur: Hardcore is more than music! Verpisst euch aufs nächste dorf-schützenfest, und zeigt da eure muckibuden-gestählten oberkörper, auf dass ihr von den örtlichen punks verjagt und von den mädels verlacht werdet…

So.

WIZO waren cool, haben ne gute mischung aus alten und neuen songs gespielt (ja, auch DAS lied!) und einen song von der kommenden scheibe präsentiert. Für meinen geschmack waren aber ein paar längen in dem auftritt. Die show mit der katze (bei Kopf ab, Schwanz ab, Hass) hätten sie sich sparen können, und auch ein paar andere pausenfüller, und dafür noch 2,3 lieder mehr spielen, aber gut.

Danach noch In Extremo, naja, nicht mein fall.

Am nächsten tag hab ich sehnsüchtig auf Agnostic Front gewartet. Vorher gabs aber nochmal Psychobilly, diesmal von Mad Sin aus Berlin. Die waren richtig cool, auch wenn sie es trotz höchster körperlicher anstrengungen nicht geschafft haben, die leute in größerer zahl zum tanzen zu bringen. Vielleicht zu schräg für so ein festival.
Dann also Agnostic Front, die als Ersatz für Sick of it all gekommen sind. Einfach nur geil.

Skindred waren schon zum zweiten mal in folge auf dem Serengeti, und haben wieder ordentlich gerockt. Der sänger hat die unglaubliche gabe, die leute zu animieren und in den bann zu ziehen. Auch wenn mich die neue scheibe der band nicht überzeugt hat, live sind sie auf jeden fall sehenswert.
Allerdings: warum muss man sich als band von einer bekannten schnapsfirma (mit dem hirsch) sponsoren lassen? da geht die kommerzialisierung sogar mir zu weit.
Bullet for my Valentine hab ich an mir vorbeirauschen lassen, auch wenn die show ganz gut war, ich hab mir meine kräfte für Bad Religion aufgehoben.
Ich hab sie ja erst jüngst in Bielefeld gesehen, und die sind immer wieder geil. Greg Graffin hebt sich mit seiner locker-lässigen, zynisch-satirischen art wohltuend von den metal-recken und posertypen vieler anderer bands ab und nach über 30 jahren sind die jungs einfach routiniert, ohne gelangweilt zu wirken. Mein urteil: immer wieder. Das gilt für BR genau wie für das gesamte festival.